Julia Oesch spricht über Machtmissbrauch

Veröffentlicht von Julia Oesch am

Julia Oesch als Lucienne in Korngolds „Die tote Stadt“, Venedig

Landestheater Linz

Am 2. Oktober 2019 wurde ich ans Linzer Opernhaus vom Opernstudioleiter Gregor Horres und der Dramaturgin Anna Maria Jurisch eingeladen, um über das Thema Machtmissbrauch zu sprechen. Anlass war der Poduktionsbeginn von Brittens Oper Rape of Lucretia. Am Abend fand eine Vorstellung statt.

Auf den Vorschlag von Gregor Horres sprach ich am Nachmittag mit Mitgliedern des Opernstudios, die dann am Abend sämtliche Rollen der Vorstellung besetzten. Es war ein beeindruckendes und für mich sehr denkwürdiges Gespräch. Nach und nach erzählten alle jungen Künstler/innen von ihren eigenen Erfahrungen. Einige waren schon mit unangenehmen Machtstrukturen in Berührung gekommen, hatten ihre Schlüsse daraus gezogen und fragen sich, ob es nicht besser ist, sich anzupassen und schwierige Situationen nicht zur Sprache zu bringen. Die Angst vor Einschüchterung ist groß. Bei den meisten herrscht Unsicherheit, wie sie sich untereinander vernetzen können, ob es neutrale und kompetente Ansprechpartner gibt und wie sie sich Gehör verschaffen können.

Ich erzählte, dass mir die Gespräche der letzten Jahre (Jahrzehnte) nun eine große Sicherheit und einen Rückhalt geben, wenn ich mich nun aktiv gegen Machtmissbrauch und Übergriffe einsetze. Kollegen und Menschen, mit denen ich zusammen gearbeitet habe, erinnern sich und unterstützen mich nun. Damit wollte ich den jungen Künstler/innen verdeutlichen, dass es in jedem Fall weiter hilft, über Missstände zu sprechen und wie wichtig es ist, ein Bewusstsein für die eigenen Rechte zu haben.

Dabei möchte ich die Ermutigung in den Fokus setzen. Genau das ist es, was ich nun vorrangig als meine Aufgabe ansehe, wenn ich meine Erfahrungen weitergebe und davon berichte.

Nach den vielen harten Monaten des Kampfes beginnt nun endlich die Veränderung. Ich möchte aktiv dabei sein, diese Veränderung zu gestalten, Mut zu machen, sich für Fairness einzusetzen, nicht müde zu werden, einen respektvollen Umgang einzufordern. Darüber möchte ich reden und auch Anlaufstelle sein, wenn ich zur Unterstützung beitragen kann.

Dieselben jungen Sänger, mit denen ich am Nachmittag noch gesprochen hatte, standen am Abend für Rape of Lucretia auf der Bühne und bewegten mich und das Publikum zutiefst. Der Inhalt könnte aktueller nicht sein. Wie viel Mut braucht es, um gesellschaftliche Konventionen zu durchbrechen? Um für das Recht auf Selbstbestimmung einzutreten und dafür zu kämpfen? Gibt es ein Umfeld, das mir hilft, für Veränderungen einzutreten? Der Ausgang von Rape of Lucretia ist tragisch. Mut, Selbstbestimmung und Veränderung gab es nicht. Aber ein Bewusstsein, das durch dieses Stück geschärft wird.

Im anschließenden Gespräch in der Black Box, wurden die Themen des Abends mit den Erfahrungen von Publikumsmitgliedern verknüpft. Die Dramaturgin Anna Maria Jurisch hatte meine Kollegin Manuela Dumfart und mich zu diesem Gespräch eingeladen. Der allgemeine Kontext wurde schnell abgelöst und wir hörten persönliche Geschichten und Eindrücke, die wir gut nachvollziehen konnten. Ich glaube, das Wichtigste an diesem Zusammentreffen in der Black Box war unser Zuhören und dass wir der Veränderung ein Gesicht verleihen möchten und dafür bereit sind einzutreten.

Julia Oesch, 21. Oktober 2019

Website des Landestheaters Linz


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